Herr der Dinge – März 2020

 

Dieses E-Mountainbike strebt nach absoluter Kontrolle.

Der englische Schriftsteller J.R.R. Tolkien war ein moderner Begründer der Fantasy-Literatur. In seinen Romanen gibt es fiktive Gegenstände, die eine oft mythisch aufgeladene Bedeutung haben. In seinem Roman «Herr der Ringe», den man mittlerweile zum Allgemeingut der Populärkultur zählen muss, gibt es 20 Ringe der Macht. Darunter der berüchtigte eine Ring des dunklen Herrschers, der Meisterring. Die Geschichte besagt, dass dieser Ring nach absoluter Kontrolle über den Träger strebe.

Dieses E-Mountainbike nimmt Einfluss. Obwohl ich es kontrolliere, kontrolliert es in gewisser Weise mich. Doch mehr über diese phänomenale Erfahrung später. Das Trek ist eine grosse Erscheinung. Sein Name «Rail» deutet seine Ambitionen an. Es soll wie auf Schienen gleiten. Mit seinem formschön integrierten E-Motor von Bosch vervierfacht es die Körperkräfte. Der rote Carbon-Rahmen in «Glossy Viper Red» heischt nach Aufmerksamkeit. Auf der Fahrbahn markiert es mit seinem 78 Zentimeter breiten Lenker physische Präsenz. Für ein E-Mountainbike gehört das Trek zu den Leichtgewichten. Es wiegt 22 Kilos. Erwähnenswert ist das aufgeräumte Display, das gut geschützt hinter dem Vorbau auf dem Oberrohr platziert ist.

Mit dem Trek mache ich mich zuerst auf Asphalt vertraut und cruise ohne E-Motor-Unterstützung dem Aarelauf entlang. Das Bike überzeugt durch enorme Laufruhe, die den 29-Zoll-Carbon-Laufrädern und dem langen Hauptrahmen geschuldet ist. Im Eco-Modus erhalte ich sanfte Unterstützung durch den E-Motor. Im Tour-Modus verdoppelt er meine Kräfte. Im Turbo-Modus vervierfacht er sie. Doch die Bosch-Steuerung überrascht mit einem ausgeklügelten, vierten Modus: eMTB. In diesem Modus reagiert der Motor feinfühlig und nahtlos auf den Pedaldruck und beschert dem Fahrer eine hochdynamische Unterstützung zwischen Tour- und Turbomodus.

Am Wohlensee angelangt ist es soweit. Ich wähle «eMTB» an und stürme über Stock und Stein den Wald hinauf. Hinter meinem Rücken thronen Eiger, Mönch und Jungfrau. An meiner Seite frisst sich der Leubach tief ins Tal. Vor mir türmt sich eine Sandsteinfluh auf. 11% Steigung. Es riecht nach frischgehauenem Holz. Das Trek treibt mich mit bis zu 25 km/h in einem rauschähnlichen Zustand auf den Gipfel. 400 Meter Höhendifferenz lösen sich im Nullkommanichts auf. Auf dem Frienisberg angekommen, katapultiert mich das zweirädrige Biest durch den Wald. Als zwei Rehe vor mir durchs Unterholz jagen, fühle ich mich wie ein pfeilschnelles Wildtier, dessen Terrain zum Spielball mutiert.

Jetzt beginnt mich das Velo zu kontrollieren. Es schiesst mich lustvoll kreuz und quer durch den Forst, noch bevor es mir seinen grössten Reiz zeigt: die Abfahrt. Mit einem Knopfdruck fahre ich den Sattel tief und donnere abwärts. Die über 6 Zentimeter breiten Reifen von Bontrager überrollen mit leichtem Schulterzucken jeden Brocken. Die Federung bügelt alles weg. Wagners Götterdämmerung setzt ein. Die Welt kommt unter die Räder und es reift die Erkenntnis, dass mit diesem Velo der Herr der Dinge die Bühne betritt. Wer sich ihm verschreibt, wird kontrolliert. Auf Forstwegen, Trails und Downhill-Strecken.
 

E-Mountainbike TREK Rail 9.9.
Rahmen Carbon
Gewicht 22 kg
Reifen Bontrager SE5, 29×2.6 Zoll
Schaltung SRAM AXS Eagle, 1×12
Bremsen Shimano XTR
Motor Bosch Performance Line CX, 250 Watt, 75 Nm output, (Akkureichweite ca. 80 km)
Preis CHF 11‘999.– bis 12‘749.–
   

Biketester: Lorenz Schmid, Partner bei in flagranti communication und leidenschaftlicher Velofahrer